Vom Parkett auf die Bühne
Gottesdienst am 26.11.2000

Liebe Gemeinde und Freunde,
manche Katastrophe hat uns in den vergangenen Wochen aufgewühlt. Da ist ein Gletscherexpress nicht bei der BergstationBrandkatastrophe bei Seilbahn in Kaprun angekommen. Fast 160 Personen sind in den Flammen ums Leben gekommen. In Bremen ist ein Altenheim durch eine Gasexplosion völlig zerstört worden. Mehrere Menschen kamen unter den Trümmern um. Zu den öffentlichen Katastrophen kommen die eigenen, dass ein lieber Mensch viel zu früh gestorben ist, dass eine böse Krankheit die Lebenspläne jäh zerstört hat, dass man keine Kraft zum Weitermachen mehr hat, obwohl äußerlich alles in Ordnung erscheint. An einem Sonntag wie heute, an dem wir an Tod und Ewigkeit erinnert werden, möchte ich fragen, was dies alles mit unserem Glauben zu tun hat. Wie ordnen wir die Unglücksfälle in unsere Beziehung zu Gott ein? Und wenn es uns getroffen hätte?

Verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeiten haben sich in der Bibel der Frage gestellt, warum Gott das Leid zulässt und nicht eingreift. Sie empfanden einen Gegensatz zwischen dem barmherzigen Gott und sinnloser Grausamkeit, zwischen dem gerechten Gott und ungerechtem Unglück, zwischen der Geborgenheit in Gott und der Schutzlosigkeit im Leben. Antworten haben diese Menschen gesucht und auch gefunden. In der frühen Zeit Israels war klar, wer sich zu Gott hält, wird lange leben. Wer nicht nach Gott fragt, wird mit dem frühen Tod gestraft. Also galt auch das Umgekehrte, wem es schlecht ging, der musste eine verborgene Sünde mit sich herum schleppen, für die er nun bestraft wurde. Aber schon bald ging diese Gleichung nicht mehr auf. Auch die Gottesfürchtigen erlebten Notzeiten und Enteignung, die Gottlosen waren oft die Besitzenden und lachten sich ins Fäustchen. So kam der Prediger zu dem Ergebnis "alles hat seine Zeit". Man sollte den Tag nutzen und nicht nach morgen fragen, denn die Zukunft war ungewiss und ob Gott eingreifen würde, höchst unsicher. Hiob erfuhr die Ungerechtigkeit am eigenen Leib. Ihm wurde durch schwere Schicksalsschläge alles genommen, einer tiefgreifenden Sünde gegenüber Gott war er sich nicht bewusst. Doch Hiob resignierte nicht. Er hielt an Gott fest und flehte ihn an, endlich Antwort auf seine vielen Fragen zu geben. Und schließlich erfuhr Hiob die Gegenwart Gottes, er lernte, dass Gott sich nicht in ein Schema pressen lässt. Aber er wurde neu gewiss, dass Gott ihn nicht im Stich ließ, auch nicht in der tiefsten Tiefe.

Die Sinnlosigkeit von Leid war eine Alltagserfahrung auch für Leute, von denen uns die Bibel berichtet. Und so stoßen wir auf ein Gespräch, das von ein paar Leuten ausging, die Jesus trafen. Das Gespräch hätte fast bei uns stattfinden können, so aktuell ist es bis heute geblieben.

Lukas 13,1-9

Um diese Zeit kamen einige Leute zu Jesus und erzählten ihm von den Männern aus Galiläa, die Pilatus töten ließ, als sie gerade im Tempel Opfer darbrachten; ihr Blut vermischte sich mit dem Blut ihrer Opfertiere. Jesus sagte zu ihnen: "Meint ihr etwa, dass sie einen so schrecklichen Tod fanden, weil sie schlimmere Sünder waren als die anderen Leute in Galiläa? Nein, ich sage euch: Wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr alle genauso umkommen! Oder denkt an die achtzehn, die der Turm am Teich Siloah unter sich begrub! Meint ihr, dass sie schlechter waren als die übrigen Einwohner Jerusalems? Nein, ich sage euch: Ihr werdet alle genauso umkommen, wenn ihr euch nicht ändert!"
Dann erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis:
"Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Er kam und suchte Früchte an ihm und fand keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: 'Hör zu: Drei Jahre sind es nun schon, dass ich herkomme und an diesem Feigenbaum nach Früchten suche und keine finde. Also hau ihn um, was soll er für nichts und wieder nichts den Boden aussaugen!' Aber der Weingärtner sagte: 'Herr, lass ihn doch dieses Jahr noch stehen! Ich will den Boden rundherum gut auflockern und düngen. Vielleicht trägt der Baum dann im nächsten Jahr Früchte. Wenn nicht, dann lass ihn umhauen!'"

Wohl um die Osterfestzeit kamen Leute zu Jesus und berichteten ihm von dem erschütternden Tagesereignis. Pilatus hatte mal wieder seine Besatzungsmacht demonstriert und ein Massaker unter den Pilgern angerichtet. Die Leute gaben keine Wertung ab, sie erzählten einfach. Doch Jesus entdeckte mehr hinter ihrem Bericht: "Meint ihr, dass das die Strafe für verborgene Sünden war?" In der Theologie der damaligen Zeit gab es in der Tat eine Lehrrichtung, die genau das unterstellte. Sünde – also die Trennung von Gott und moralische Übertretungen - zog Strafe Gottes nach sich. Menschen, die so wie die Galiläer getötet wurden, mussten ein schlechtes Vorleben gehabt haben. Vielleicht spürte Jesus ihnen diese Haltung ab, vielleicht lag auf ihren Gesichtern der Ausdruck: "Geschieht ihnen ganz recht. Die haben es wahrscheinlich verdient, aber wir sind ja besser, uns kann nichts passieren."

Ganz von gestern ist diese Haltung sicher nicht. Die Katastrophenmeldungen unserer Tage scheinen oft die gleiche Haltung zu provozieren. Man findet die Katastrophe selbstverständlich schrecklich, fragt aber gleich nach dem Schuldigen. Menschliches oder technisches Versagen? Kann mir das auch passieren? Aber wer fliegt schon mit der Concorde nach Amerika, wer fährt schon im November Ski und wer lebt schon in einem Altenheim in Bremen. Doch manchmal beschleicht mich in den sich überstürzenden Nachrichten eine leise Ahnung, ich könnte sehr wohl dabei gewesen sein - und dann?

Genau diese leise Ahnung greift Jesus auf: "Meint ihr? – Nein, ich sage euch!" Und er sagt den Leuten damals und uns heute, dass es allerhöchste Zeit ist umzukehren. "Wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr alle genauso umkommen". Es hätte mich sehr wohl treffen können. Doch ich soll nicht zurück schauen, sondern voraus schauen, es gibt etwas zu ändern. Jesus möchte unseren Blickwinkel verändern. Aus dem Parkett, den bequemen Sesseln des Zuschauerraums möchte er uns zur Bühne des Theaters führen. Wir spielen mit und können uns ganz und gar nicht heraus halten. Jesus erkennt an, dass es Leid und Unglück in dieser Welt gibt. Es ist teilweise von uns Menschen verursacht, teilweise aber auch unserem Einflussbereich entzogen. Der Turm, der an der Festungsanlage von Siloah einstürzte, ist so ein Beispiel. Wir leben in einer Welt, die sich dem Einfluss Gottes verweigert. Das Blutvergießen von Kain und Abel nach dem Sündenfall ist der Start für das Leben außerhalb des Paradieses.

Doch Jesus zeigt einen möglichen Weg auf, mit dem Unglück umzugehen. Er lädt ein, auf Gott zu schauen und das ist eine kopernikanische Wende. Ich drehe mich nicht mehr um mich selbst als dem Zentrum meines Lebens, sondern ich drehe mich um Gott als der Sonne meines Lebens, von der ich alles empfange, was ich zum Leben und Überleben brauche. Diese kopernikanische Wende bewirkt, dass ich erkenne, wo ich mit Gott ins Reine kommen muss. Denn mein Los hängt nicht mehr an der Vergangenheit, wieviel Sünde und Mist sich da im Laufe der Jahre angesammelt hat, sondern mein Los hängt an Gott und seiner Vergebung, die er mir zusprechen will. All das Alte kann mich nicht mehr festlegen auf die Zukunft. Ein neuer Anfang ist möglich und Gott ist die Mitte. Der Schritt hin zu Gott ist entscheidend, ob mein Leben in der Katastrophe endet, wo Gottes Licht nicht hinein kommt, oder ob es in die Gemeinschaft mit Gott führt, die ewig bestehen bleibt. 

Die Katastrophen dieser Wochen sollten uns nicht zu Spekulationen vom sicheren Parkett- Sessel aus verführen, wer nun an was Schuld war. Sie sind Warnsignale für uns selbst: Bin ich bereit, mich Gott zu stellen? Ist zwischen uns alles in Ordnung? Und hat das in meinem Alltag Auswirkungen? Wir brauchen diese ernste Anfrage immer wieder, denn die Umlaufbahn des Ichs um Gott wird leicht gestört. Jeder Tag ist eine Chance zum Neubeginn.

Jesus ist noch nicht fertig. Er erzählt eine Parabel, um seinem Anliegen noch mehr Nachdruck zu verleihen. Diese Parabel bringt zum Ausdruck, wie sehr er uns liebt und um unser Ja- Wort ringt. Er möchte nicht Zustimmung aus Angst vor dem letzten Gericht, aus Angst, etwas verkehrt zu machen. Er möchte Zustimmung aus Überzeugung und Liebe zu ihm.

In der Geschichte handeln drei Akteure, ein Weinbergbesitzer, ein Winzer und ein Feigenbaum. Der Feigenbaum trägt nicht die erwarteten Feigen, der Weinbergbesitzer ist enttäuscht und möchte ihn aus seinem Garten reißen. Doch der Winzer setzt sich für den Feigenbaum ein, er bittet um eine Frist und versichert, ihm Mist und Feuchtigkeit zu geben, dass er eine neue Chance hat. 

Sicher empfinden wir, wie nahe Jesus dem Winzer ist. Vor Gott sind wir vielleicht auch solche enttäuschenden Bäume. Wieviel könnten wir aus unseren Gaben machen, aber irgendwie verkümmern sie im Alltag oder verdorren in einer Umgebung, die wenig Mut macht. Und ehrlicherweise müssen wir uns schon die Fragen gefallen lassen:
Haben wir entdeckt, wo Gott uns haben will und von uns Frucht und Einsatz erwartet?
Haben wir alles getan, um möglichst mit ganzem Herzen bei der Sache Jesu zu sein, die Gemeinde im Wachstum zu unterstützen und selbst Jesus immer besser kennen zu lernen?
Sind wir heute begeistert von Gottes Geist, erfüllt von seiner Liebe und bereit, uns hinzugeben für ihn?

Jesus steht auf unserer Seite. Er will alles tun, damit wir Frucht bringen, uns entfalten und Gott damit die Ehre geben können. Er gibt uns zu essen und zu trinken wie der Winzer dem Feigenbaum. Wenn wir nachher das Abendmahl miteinander feiern, erinnern wir uns daran, wie Jesus sich selbst dem Verderben ausgeliefert hat, damit wir aus der Katastrophe, von Gott getrennt zu sein, gerettet werden. Jesus gibt sich selbst in Brot und Wein zu essen und zu trinken, dass wir durch ihn gerettet werden. Und wir können ihm antworten, Jesus annehmen und in unser Herz aufnehmen. Jesus wird Mittelpunkt und bestimmt unser Leben.

Jesus hatte Hoffnung für die Leute, die mit der Schreckensmeldung der Galiläer zu ihm gekommen sind. Jesus hat Hoffnung für uns. Es ist ein bewusster und mutiger Schritt vom Zuschauerraum auf die Bühne. Wir sitzen mittendrin in Gletscherbahnen aller Art. Und wir machen Fehler, immer wieder, unsere Umlaufbahn um Jesus wird vielfältig gestört durch Trägheit, Selbstüberschätzung oder Anfechtungen. Doch es ist Zeit, alles in Ordnung zu bringen, bevor uns unsere Fehler zu Grunde richten. Jesus bietet sich uns an. Wir können ihm vertrauen, er vergibt und wir sind bei ihm geborgen in Zeit und Ewigkeit. Und wenn die Gletscherbahn dann nicht verunglückt, wir eine neue Lebensspanne vor uns haben, dürfen wir weiter von Jesu Fürsorge leben und sie mit den Früchten weitergeben. Vergebung und Neuanfang prägen den Alltag, zum Beispiel in den Konflikten zu Hause und im Beruf. Wo wir da im Streit liegen, uns unverstanden fühlen und vielleicht auch nur einen heimlichen Groll hegen, ist der Ort, an dem Jesu Graben und Düngen greift. Wir werden aufgefordert den Schritt zu tun und ihn von Herzen um Vergebung zu bitten, um einen neuen Anfang mit dem Ehepartner, der Freundin, dem Geschäftskollegen.

Jesus gibt uns zu essen und zu trinken, damit wir Frucht bringen können. Er gibt die Hoffnung für uns nicht auf. Heute noch können wir uns neu beschenken lassen von ihm und gelassen unseren Weg fortsetzen. 

Wenn wir jetzt weitergehen, dann sind wir nicht allein. Der Herr hat uns versprochen, bei uns zu sein.
Kurt Rommel

Cornelia Trick


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