Steine klopfen oder Kathedralen bauen
Gottesdienst am 23.10.2005

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
wie oft ertappe ich mich, eine von denen zu sein, die Steine klopfen. Der Alltag hält mich so in Atem, dass ich vergesse, wozu das Steine Klopfen gut ist, dass es doch nur dem Ziel dient, eine große Kathedrale zu Gottes Ehre zu bauen.

Kathedrale

Die Folge dieser Zielvergessenheit ist, dass ich hinter meinen Möglichkeiten zurück bleibe. Meine Aufgaben packe ich nicht zielgerichtet an, die Stunden der Arbeit zerfließen mir zwischen den Fingern und abends kann ich nicht sagen, warum ich dies und das eigentlich getan habe. Einen größeren Sinn habe ich meinen Aktivitäten nicht entlocken können.

Doch offensichtlich, wenn wir das Bild ernst nehmen, erschließt sich für jede noch so kleine Tätigkeit ein Sinn. Sie ist ein Beitrag zum Bau einer Kathedrale, sie verwirklicht den großen Traum, Gott Freude zu machen und ihm die Ehre zu geben. Mein unbedeutender Einsatz kann von Gott dazu genutzt werden, auf ihn hinzuweisen, und sei es durch eine imposante Kathedrale, die erst in vielen Jahren fertig gestellt sein wird.

Jesus sah die Gefahr des Alltags bei seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Er nahm wahr, wie sie sich in ihren täglichen Geschäften abmühten, dabei aber die große Linie ihres Lebens aus dem Blick verloren. Er wollte sie motivieren, ihr Leben mit Gottes Möglichkeiten zu betrachten und darauf hinzuwirken, dass ihr kleiner Beitrag von Gott in ein großes Bauwerk münden kann, das ihm die Ehre gibt. Er rief ihnen zu: Schaut in die Weite!

Lukas 16,1-8

Jesus sprach zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die  Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Ein reicher Mann hatte soviel Besitz, dass er sich nicht mehr selbst um alles kümmern konnte. Er brauchte einen Verwalter, der für ihn die Geschäfte regelte. Doch dieser Verwalter verschleuderte nach Meinung des reichen Mannes den Besitz. Statt ihn zu mehren oder zumindest zu bewahren, gab ihn der Verwalter wohl mit vollen Händen aus. Das wollte der Reiche nicht länger mit anschauen. Er übergab dem Verwalter die Kündigung, allerdings nicht mit sofortiger Wirkung. Der Verwalter hatte noch ein paar Tage Zeit, die aktuellen Termine abzuwickeln.

Der Verwalter arrangierte sich mit dieser neuen Situation. Er rannte nicht kopflos weg, er versank nicht in Depressionen. Er verdrängte nicht seine trüben Zukunftsaussichten. Der Verwalter handelte schnell und weitsichtig. Er schaute darauf, was ihn zukünftig erwartete und stellte fest, dass er weder zu körperlicher Arbeit geschaffen war, noch den Mut hatte, sich auf die Straße zu setzen und zu betteln. So blieb ihm nur übrig, auf gute Freunde zu bauen, die ihn bei drohender Arbeitslosigkeit unterstützten. Das war sein Fernziel: Gute, tragfähige Freundschaften. Er dachte darüber nach, wie er diesem Ziel näher kommen konnte. Da gab es für ihn eine kreative Möglichkeit. Er wollte den Schuldnern ein Extrageschenk machen und ihnen einen Teil ihrer Schulden auf Kosten des reichen Mannes erlassen. Man kann annehmen, dass dem Reichen die entgangenen Rückzahlungen nicht weiter weh taten. Er war reich genug, um das zu verschmerzen. So hatte der Verwalter sich Freunde geschaffen, die sich auch später noch an ihn erinnerten. Er konnte damit rechnen, dass sie ihn aufnahmen, ihm ein Bett zur Verfügung stellten und sich um ihn bemühten, bis er wieder etwas zu arbeiten fand.

Man sollte annehmen, dass der reiche Mann den Verwalter bei einem solchen Verhalten erst recht hochkant herausgeworfen hätte. Doch davon wird nichts berichtet. Ja, man gewinnt den Eindruck, dass sowohl der Reiche als auch Jesus den verschwenderischen Verwalter ausdrücklich lobten für sein weitsichtiges Verhalten.

Dieses Gleichnis Jesu wirkte zu allen Zeiten wie ein Stolperstein. Sollte man sich nun wie der Verwalter aufführen? Alles, was man hatte, mit vollen Händen ausgeben? Keine Vorsorge mehr treffen? Sollte man sich mit Geld Freunde machen und konnte man zu diesem Zweck das anvertraute Geld anderer Leute verschwenden? Lebten Christen so? Der Evangelist Lukas hatte genau diese Anfragen an das Gleichnis, das Jesus erzählte. Er setzte hinter das Gleichnis seine Korrekturen. Zum einen wies er darauf hin, dass Geld wichtig war, wenn man es für andere einsetzte und es nicht zur Ersatzreligion wurde. Zum anderen stellte er Aussagen Jesu gleich hinter das Gleichnis, mit denen Jesus seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern ins Stammbuch schrieb, das ihnen Anvertraute auch im Alltag treu zu bewahren als eine Bewährungsprobe, dass sie auch Gottes anvertraute Gaben in rechter Weise verwalten würden. 

Diese Kommentare des Lukas stellen richtig: Jesus wollte uns mit dem Gleichnis nicht dazu auffordern, Geld zu verschwenden, Freunde zu kaufen oder andere zu betrügen. Er erzählte das Gleichnis, um deutlich zu machen, dass alles davon abhing, das Ziel im Auge zu behalten. Dem Verwalter drohte Arbeitslosigkeit, also kümmerte er sich hier und heute darum, dem Schicksal der Verelendung zu entgehen. Vielleicht entstammte die Geschichte auch der aktuellen Tagespolitik jener Zeit. Ein Skandal, der durch die Dörfer ging. Und nicht wenige werden sich insgeheim über das Verhalten des Verwalters gefreut haben. Sie kannten die drückenden Lasten der Schulden und konnten nachempfinden, was es bedeutet haben mag, die Last erlassen zu bekommen. 

Auch wir können ein Gleichnis aus unseren Tagen erzählen. Die beiden großen politischen Parteien unseres Landes haben die Wahl nicht gewonnen. Beide müssen nun in einer Zwangsgemeinschaft zusammen regieren. Sie könnten sich nun unendlich um jede Sachfrage streiten, sie könnten ihre Köpfe allesamt in den Sand stecken und resignierend feststellen, dass sie zusammen nichts auf die Beine bringen können. Doch beide Parteien können nun auch auf das gemeinsame Ziel schauen, dieses Land aus den Sackgassen herauszuführen und Bedingungen zu schaffen, die Hoffnung und Zuversicht bei den Bürgerinnen und Bürgern wachsen lassen. Lässt sich dieses Ziel erreichen? Sicher nur, wenn es den Regierenden gelingt, ihre Bürger mit in den Prozess einzubinden, sie mit ins Boot zu holen, wie der Verwalter es mit den Schuldnern tat.

Weitblick in unserem Leben

Wenden wir das Gleichnis auf den Alltag an, stellt es uns vor die Frage, ob wir uns wie der Verwalter das Lebensziel vor Augen halten lassen und unsere Aktivitäten auf dieses Ziel ausrichten. Mit dem Bild der Kathedrale möchte ich als Lebensziel für mich formulieren, mit meinem Leben dazu beizutragen, dass Menschen Gott nahe sind. Es ist ein wunderschöner Gedanke, dass mein Leben am Ende dem Bau einer Kathedrale dient, in der Menschen Gottesdienste feiern, auf ihn aufmerksam werden, in besondere Verbindung zu ihm treten können.

Drei Aspekte sind mir dabei wichtig:
Mittelpunkt meines Lebens ist Gott. Während ich auf der Baustelle meine Steine klopfe, ist Gott mir in jedem Moment zur Seite. Er leitet mich zum Ziel meines Lebens. Es ist nicht mein Bild, sondern sein Bild, das er in mein Herz gelegt hat. Ich muss mir Gott nicht ständig selbst in die Mitte meines Lebens rücken. Wie beschwerlich wäre das. Aber ich kann aufmerksam sein, wie oft er sich selbst in die Mitte rückt. Eine Sorge befällt mich und ich rufe Gott um Hilfe. Ein freudiges Ereignis lässt mich jubeln und ich danke Gott. Im Leid wende ich mich an ihn und er tröstet mich. Probleme treiben mich ins Gebet und Gott antwortet. Verliere ich Gott aus der Mitte meines Lebens, zerrinnt mir das Bild vom Ziel wie ein Kondensstreifen am Himmel. Zielgerichtetes Leben auf die Kathedrale hin ist nur möglich in enger Anbindung an Gott, der mir in Jesus Christus und durch seinen Heiligen Geist nahe ist.

Mein Beitrag zum Lebensziel. Um dem Ziel näher zu kommen, verlangt es meinen ganzen Einsatz. Das ist kein Feierabendgeschäft oder am Wochenende mal so eben schnell zu erledigen. Im Mittelalter haben die Menschen mehrere Generationen lang an den großen Kathedralen gebaut. Sie haben oft genug ihr Leben dabei gelassen. Es war ihr ein und alles, für dieses Bauwerk zu leben. Nicht anders ist es mit dem Bauen auf unserer kleinen Alltagsbaustelle. Unsere Hingabe ist gefragt. Dient unser Alltag dem großen Ziel oder führen wir doppelt Buch, die einen Aufgaben tun wir für uns, unser Bankkonto, unsere Zufriedenheit, die anderen Aufgaben tun wir für Gott? Doch um eine Kathedrale zu bauen, muss alles in ein Buch geschrieben werden. Der Gang ins Büro, das Hüten der Kinder, das Kochen, Putzen und Aufräumen, das Abhängen am Abend, die besuchte Bibelstunde oder die absolvierte Chorstunde. Es hilft vielleicht, abends den Tag zu überdenken und festzuhalten, was Gott Freude gemacht hat und den Bau der Kathedrale voran gebracht hat, was dem Bau nicht zuträglich war, ja, was ihm vielleicht sogar geschadet hat.

Die Leute auf der Baustelle. Ich baue die Kathedrale nicht allein. Da sind viele um mich herum, die mitbauen. Doch sehe ich sie wirklich als die, die an meinem Lebensziel mitwirken? Oder empfinde ich sie vielleicht eher als Konkurrenten, Störende, Verhinderer? Wie viel Zeit verbringe ich, um mit ihnen den roten Faden unseres gemeinsamen Unternehmens zu bedenken, für sie zu beten oder ihnen zu helfen, die Kathedrale wieder neu in den Blick zu bekommen? Fehlt mir vielleicht gerade jemand, der meinen Kopf in Richtung Kathedrale hebt, weil mich meine Alltagsaufgaben wieder völlig aufgefressen haben?

Weitblick in unserer Gemeinde

Auch als Gemeinde haben wir diese Vision vor Augen, mit unserem Gemeindeleben beizutragen, dass Jesus hier in diesem Ort gegenwärtig ist. Doch immer wieder stehen wir in der Gefahr, uns im Alltagsgeschehen zu verzetteln. Wir halten regelmäßig unsere Veranstaltungen ab, wir richten unseren Terminkalender nach den kirchlichen Festen und haken sie nacheinander ab, wir veranstalten Gemeindezusammenkünfte und meinen, das allein würde schon reichen, um unserer Bestimmung nachzukommen. Doch haben wir dabei auch das große Ziel vor Augen, Leib Christi für andere zu sein? Um dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, die nötige Weitsicht zu bewahren sind auch für uns als Gemeinde die drei Aspekte des persönlichen Lebens wichtig:

Mittelpunkt unserer Gemeinde ist Gott. Der Gottesdienst, die Veranstaltungen rund um die Bibel, die Gebetskreise bilden das Herzstück unseres Gemeindelebens. Sie sorgen dafür, dass Gottes Dienst an uns, seine Sorge für unser Leben, seine Kraft für unser Zusammensein immer neu in die Mitte gerückt werden. Wenn wir zum Gottesdienst zusammen kommen, dann nicht nur, um persönlich die Gegenwart Gottes zu erfahren, sondern um uns als Gemeinde unser Ziel vor Augen stellen zu lassen. Wir haben einen Auftrag in dieser Welt. Wir sind dafür da, andere zum Glauben einzuladen, ihnen hier Heimat anzubieten. Der Prüfstein unserer Veranstaltungen in der Gemeinde ist, ob sie diesem Ziel dienen oder ob sie Selbstbeschäftigung sind.

Der Beitrag der Gemeinde zum Lebensziel. Beim Bau der Kathedrale sind alle Gaben gefordert. Keine und keiner hier darf außen vor bleiben. Jesus Christus ruft ja genau die als seinen Leib zusammen, die die verschiedenen Aufgaben wahrnehmen können, die in unseren Verantwortungsbereich fallen. Aber so einfach ist es in der Praxis dann doch nicht. Es werden Leute gebraucht, die anleiten, und solche, die sich anleiten lassen. Nicht jede und jeder ist perfekt geboren und muss für seinen Dienstbereich nichts mehr dazu lernen. Wenn uns die Anleiter fehlen, werden nur wenige alle Aufgaben schultern. Tag und Nacht werden sie auf der Baustelle schuften und sich wundern, dass ihnen die anderen nicht helfen. Doch die anderen, die nicht über die nötige Erfahrung und Übung verfügen, sind völlig an den Rand gedrängt. Sie trauen sich gar nicht, die Baustelle zu betreten. Sie fühlen sich unterlegen und geben irgendwann auf. Die gemeinsame Perspektive auf ein Gemeindeziel geht in die Brüche. Helfen kann nur, dass wir uns selbst fragen, für wen wir Anleitende sein können und wo wir Einführung brauchen. Nicht jede und jeder arbeitet planlos vor sich hin, sondern wir sind miteinander gerufen, unserer Vision von Gemeinde zuzuarbeiten.

Der Weitblick geht über die Gemeindebaustelle hinaus. Aus Ost und West, Nord und Süd werden Menschen kommen und mit Jesus im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Das sind eindeutig mehr Menschen als unsere Gemeinde in Neuenhain. So sind wir aufgerufen, Menschen Wegweiser zu dieser Festtafel zu werden. An verschiedenen Stellen unseres Gemeindelebens wird das sichtbar, bei den Kindergruppen, den Verantwortlichen in der Wohnsitzlosenhilfe, bei Märkten und öffentlichen Auftritten des Posaunenchores, auch beim Schaukasten, der Passanten einlädt, sich Jesus Christus zu öffnen. 

Der ungerechte Verwalter ist ein Antiheld unserer bürgerlichen Gesellschaft. Doch in seinem Weitblick kann er uns Lehrmeister sein. In unserem persönlichen Leben brauchen wir Weitblick, um Gottes Ziel für unser Leben zu verfolgen und uns in den Alltäglichkeiten nicht davon ablenken zu lassen. In unserer Gemeinde brauchen wir diesen Blick für die Zukunft bei Gott, um uns in unseren immer wiederkehrenden Veranstaltungen und Herausforderungen nicht zu verstricken, ohne das Ziel je zu erreichen. In unserem Verhältnis zur Welt brauchen wir den Blick auf Gottes Ewigkeit, um unsere Aufgabe der Kathedrale, als Fingerzeig zu Gott nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht hilft uns dieser Blick auf die Kathedrale, aus der gegenwärtigen Situation neuen Mut für die Zukunft zu schöpfen.

Psalm 121,1-2

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Cornelia Trick


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