Singt zur Ehre des Herrn (Jesaja 12,1-6)
Gottesdienst am 28.04.2013

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
wann singen Sie? Sicher, im Gottesdienst loben wir Gott mit unserem Lied. Wir singen die gleiche Melodie und stimmen in denselben Text ein. Wir singen die Aussagen über Gott einander zu, und wenn wir vierstimmig singen, ist auch das Ausdruck der Einheit in der Vielfalt. Singen im  Gottesdienst verbindet das, was wir verstandesmäßig erfassen, mit unserem Gefühl. Wir nehmen unseren Mund voller, als es unser Verstand zulassen würde. Wir erheben uns über den Zustand hier und jetzt und besingen Gottes Möglichkeiten. 

Doch nicht nur mit der Gemeinde wird gesungen. Viele von uns singen, wenn es ihnen gut geht, sie glücklich sind, etwas geschafft haben, „der Himmel voller Geigen“ hängt. Sie singen auch gegen die Angst. Zum Beispiel soll es helfen, die Angst vor Spinnen in dunklen Kellern mit Singen zu vertreiben. Und oft singen wir beim Autofahren, wenn im Radio ein Lied kommt, das wir kennen und das uns in eine ganz andere Welt mitnimmt.

Singen, egal ob in der Gemeinde, im Glück oder in Angst, im Auto oder beim Fahrradfahren, reißt uns heraus aus unserer momentanen Situation, erhebt uns über den Alltag und lässt uns eine neue Perspektive gewinnen.
Ein solches Lied ist im Jesajabuch niedergeschrieben, vielleicht kann es uns heute mitreißen und uns den Himmel ein Stück öffnen.

Jesaja 12,1-6
Am Tag deiner Rettung wirst du sagen:
»HERR, ich preise dich!
Du bist zornig auf mich gewesen;
doch nun hat sich dein Zorn gelegt,
und ich darf wieder aufatmen!«
Dann wirst du bekennen:
»Gott ist mein Helfer,
ich bin voll Vertrauen und habe keine Angst!
Den HERRN will ich rühmen mit meinem Lied,
denn er hat mich gerettet.«
Voller Freude werdet ihr Wasser schöpfen
an Gottes reichen Quellen,
aus denen euch seine Hilfe strömt.
Und ihr werdet sagen an jenem Tag:
»Preist den HERRN!
Macht seinen Namen überall bekannt!
Verkündet allen Völkern, was er getan hat;
sagt ihnen, wie unvergleichlich groß er ist.
Singt und spielt zur Ehre des HERRN!
Denn er hat gewaltige Taten vollbracht;
das soll die ganze Welt erfahren.
Freu dich und juble, du Zionsstadt!
Denn er wohnt in deiner Mitte,
er, der große, heilige Gott Israels!«

Schauen wir auf den Anfang des Liedes: Du wirst sagen. Hier wird vorweg genommen, was noch in weiter Ferne liegt. Denn jetzt ist Dunkelheit, Gottes Zorn noch spürbar. Ich stelle mir vor, jemand liegt im Krankenhaus, es geht ihm nicht gut. Die Ärzte machen ein sorgenvolles Gesicht, wenn sie am Bett stehen. Kaum vorstellbar für den Patienten, wieder den Alltag aufzunehmen, ohne den Körper bei jeder Bewegung zu spüren. Da kommt ein Freund zur Tür herein und hat eine Menükarte dabei. Leckerste Speisen werden aufgeführt. Und das, so sagt der Freund, ist die Speisekarte für die Genesungsfeier. Sie wird ganz bestimmt stattfinden, das Lokal ist schon gebucht ohne Rücktrittsklausel.

Wer hier dieses Danklied dem Du anbefiehlt, ist sicher, dass es ein Dankfest geben wird. Dabei kann die zugrunde liegende Situation ganz unterschiedlich aussehen. Im Jesajabuch war es eine politische Krise. Israel war dabei, einen schweren Fehler zu begehen und sich gegen die assyrische Großmacht aufzulehnen. Der Prophet sagte den Untergang voraus. Doch Gott würde gnädig sein und einen Rest retten. Dieser Rest, so der Prophet, würde das Danklied singen. Heute könnte jemand dieses Lied anstimmen, der Schweres durchgemacht hat. Er fühlte sich Gottes Zorn ausgeliefert. Er konnte kaum atmen in dieser bedrohlichen Lage. Fast wäre er erstickt an der Not. Doch Gottes Zorn legte sich, er bekam wieder Luft, konnte aufatmen. Diese Erfahrung stärkte seine Gottesbeziehung. Gott hat geholfen, so braucht er auch in Zukunft keine Angst zu haben. Gott ist stark, die Kraft des Sängers kann klein sein. Gott rettet, auch wenn die Lage noch so bedrohlich ist. Wer das erlebt hat, singt aus vollem Herzen und steckt andere an. Das Lied hat Fortsetzung.

Persönliche Not und Gottes Zorn

Der Beter und Sänger empfindet seine Not, als ob Gott seinen Zorn über ihn ausgegossen hätte. Können wir so über Gott reden? Ist Zorn nicht eine allzu menschliche Regung, und steht sie nicht Gottes Liebe, wie wir sie in Jesus Christus kennengelernt haben, entgegen? Die Bibel spricht zuerst und mit Nachdruck von Gottes Liebe und seiner Zuwendung zu dieser Welt. Er ist gnädig und barmherzig, er vergibt und beginnt immer wieder neu. Die Menschen hat er geschaffen als Wesen, mit denen er Gemeinschaft haben kann, die seine Liebe beantworten. Das Ideal dieser Gemeinschaft wird im Schöpfungsbericht (1.Mose 2) beschrieben. Am Abend besucht Gott seine Menschen im Garten Eden, sie besprechen den Tag und versichern sich ihrer Gemeinschaft. Wo diese Antwort auf Gottes Liebe verweigert wird, erhebt sich Gottes Zorn. Er widerspricht einem Leben ohne Gott. Doch dieser Zorn kann nur von denen erkannt werden, die zuvor Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung erlebt haben. Wer den gnädigen Gott nicht kennt, wer aber Angst vor dem Zorn Gottes hat, wird vielleicht glauben, aber nicht vertrauen. Er fürchtet sich vor Strafe und versucht, alle Gebote zu halten. Er lebt ein Leben auf der Flucht vor Gottes Zorn. Das widerspricht dem, was Jesus Christus verheißt. Wer an ihn glaubt, wird frei werden, sich geliebt wissen und diese Liebe grenzenlos weitergeben können.

Sehr anschaulich beschreibt Jesus den Zusammenhang zwischen Gottes Barmherzigkeit und seinem Zorn am Beispiel des „hartherzigen Schuldners“ (Matthäus 18,23-35). Ein Knecht war dem König 100.000 Zentner Silber schuldig. Der König wollte die Schulden eintreiben, was bedeutet hätte, die ganze Familie des Schuldners zu versklaven. Doch der König schenkte dem Knecht die Freiheit und erließ ihm diese enorme Summe Geld. Kurz darauf trifft der begnadigte Schuldner auf einen Mitknecht, der ihm den 600.000-sten Teil seiner Schulden schuldig war, 100 Silbergroschen. Der Knecht forderte mit aller Gesetzesgewalt seine Schulden ein. An dieser Stelle entbrannte der Zorn der Königs. Der hartherzige Schuldner hatte selbst unermessliche Gnade erfahren und verweigerte sich, seinem Mitmenschen einen Bruchteil davon weiterzugeben. Der Mann hatte die Güte verraten, die er selbst erlebt hatte.

Wir lernen aus diesem Gleichnis, dass Gott zornig wird, sobald wir erfahrene Liebe, Gnade, Barmherzigkeit und Güte verletzen und/oder sie anderen verweigern. Gott wird nicht zornig über den Mann, der bei ihm so viele Schulden angehäuft hatte, das vergab er. Aber er wurde zornig, als der Begnadigte keine Lehren daraus zog. 

Der Zorn Gottes richtet sich gegen Selbstgerechte, die hochmütig über andere urteilen. Er richtet sich gehen unmoralische Gesetzesübertreter, die sich die Freiheit nehmen, anderen zu schaden. Gottes Zorn verzehrt die Sünde, die darin besteht, Gott keine Antwort auf seine zuvorkommende Liebe zu geben.

Aber Gott ist mit dem Sünder nicht fertig. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Bibel, dass Gott dem Sünder nachläuft, er das Zerbrochene, und sei es nur ein Rest, heilen will. Jesu Botschaft war es, dass Gott richtet, nicht um zu zerstören, sondern um zu retten.

Doch es gibt diese Möglichkeit, dass der Mensch in seiner Verweigerung verharrt, unerbittlich die 100 Silbergroschen des Schuldners einfordert. Sehr drastisch beschreibt Jesus im Gleichnis die Folgen, dann wird der König die 100.000 Zentner Schulden unerbittlich einfordern und seine Begnadigung zurücknehmen – was in Summe den Tod des Mannes bedeuten würde.

Der Sänger des Liedes bezieht uns in seine Erfahrung ein: Gott war zornig auf mich. Ich war vielleicht selbstgerecht, habe anderen Güte und Barmherzigkeit verweigert, habe anderen sogar aktiv geschadet. Ich habe erkannt, dass meine Verfehlungen Auswirkungen auf mein Verhältnis zu Gott haben. Und ich habe Gottes Vergebung in Jesus Christus angenommen. Nun ist ein Neuanfang möglich und alles Belastende steht nicht mehr zwischen Gott und mir. Jesus hat es weggenommen und ins Meer versenkt.

Die lebensbedrohliche Situation, Ersticken an Gottes Zorn, ist abgewendet. Ich atme auf und singe.

Bekenntnis

Im Lied bekennen wir, dass Gott unser Helfer ist. Er hat den Spiegel vorgehalten, der zur Umkehr geführt hat. Spiegel kann ein anderer Mensch gewesen sein, der uns klar gesagt hat, wo unser Fehler liegt. Spiegel kann ein Wort der Bibel geworden sein, das uns zum Umdenken gebracht hat, eine Situation des Alltags, eine Not oder Krankheit. Gott hat geholfen, dass wir nicht ewig im Unheil weitergemacht haben. Martin Luther übersetzte diese Hilfe mit Heil. Wem geholfen wurde, der kann heil werden. Die Beziehung zu Gott ist geheilt und mit ihr die Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Güte und Barmherzigkeit Gottes fließen durch uns durch und verändern unsere Umgebung.

Erfahrene Hilfe wird zu einem Lied. Vielleicht haben wir, haben Sie ein Lied im Herzen, das diese Erfahrung ausdrückt. Dann stimmen Sie es an und erinnern Sie sich an die Hilfe, die Sie dort und hier bekommen haben und die Sie heil werden ließ.

Zeugnis

Der Sänger des Liedes singt sein Lied in alle Welt hinaus. Die eigene Familie und Gemeinde ist ihm zu klein, alle Welt soll es erfahren.

Unser Lied ist nicht nur für den innergemeindlichen Gebrauch bestimmt, sondern ist Lied für diese Welt. Alle Welt soll erfahren, dass Jesus uns heilt und zurecht bringt, zerstörte Beziehungen versöhnt, in neue Gemeinschaft ruft. Wir als Gemeinde, die vorweg genommene Zionsstadt auf Erden, weisen auf das hin, was einmal im Himmel sein wird. Das ist es wert, hinausgetragen zu werden.

Cornelia Trick


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