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Gottesdienst am 31.12.2007
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
eine alte Dame wohnte
eine Zeitlang im Altenheim am Rand von Frankfurt. Parkplätze vor diesem
Haus waren rar, so dass ich immer einige Straßen weiter parkte. Der
Weg zum Heim führte über eine viel befahrene 6-spurige Straße,
links und rechts noch Busspuren und Fahrradwege. Die
nächste Fußgängerampel war weit, ebenso eine Fußgängerbrücke,
deren Zugang ganz verwinkelt lag. So bin ich immer mutig ins Verkehrsgeschehen
hineingetaucht, atmete kurz auf dem Mittelstreifen auf, um dann die zweite
Etappe in Angriff zu nehmen und immer glücklich am Ziel, der gegenüberliegenden
Straßenseite anzukommen.
Mein Beispiel ist nicht
gerade nachahmenswert, das weiß ich. Warum ich es erzähle, geschieht
aus einem anderen Grund. Dieser Durchmarsch durch den Verkehr erinnert
mich an mein Lebensgefühl heute. Ich komme mir vor wie auf dem Mittelstreifen.
Eine ganze Strecke Weg meines Lebens ist schon geschafft. Vielleicht bin
ich auf der Hälfte angekommen, vielleicht ist der Mittelstreifen bei
mir aber auch nach hinten geschoben, die eigentliche Mitte längst
überschritten. Doch noch bin ich nicht am Ziel. Es liegt noch ein
neues Jahr vor mir, das bewältigt werden will mit viel Verkehr, bedrohlichen
Autos, großen Bussen und langsameren Fahrrädern, die mich beim
Zusammenstoß nicht gleich umbringen würden.
Ich schaue nach oben und
entdecke die Fußgängerbrücke. Ach, wäre ich nicht
so faul gewesen und hätte diesen Weg genommen. Doch merkwürdig,
nie läuft jemand auf ihr. Geht es den anderen Leuten auch so, dass
sie sich lieber durch das wirkliche Leben schlängeln, statt die Soft-Variante
zu nutzen, die einen gehörigen Umweg darstellt?
Das Bibelwort, das über
diesem Gottesdienst zum Jahresschluss steht, beschreibt die Situation auf
der Straßen so:
Hebräer 13,8-9
Jesus Christus gestern und
heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei
und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das
Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Jesus hat mit unserem Weg
über die 6-spurige Straße zu tun. Er umspannt unseren Weg, ist
derselbe seit Beginn unseres Lebens, ist derselbe, während wir noch
auf dem Mittelstreifen stehen und bleibt derselbe bis in Ewigkeit. In seinen
Weg ist unser Weg eingezeichnet. Er verbindet sich mit unserem Weg. So
ist es heute spannend, auf dem Mittelstreifen kurz innezuhalten und zurückzuschauen,
uns neu zu orientieren und nach vorn zu schauen auf das, was uns im neuen
Jahr erwartet.
Jesus Christus gestern
Blicken wir zurück auf
ein vergehendes Jahr, einen vergangenen Zeitabschnitt unseres Lebens, so
fallen mir Worte des Psalmbeters aus dem 103 Psalm, Vers 8, ein: "Barmherzig
und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte."
Bewusst wird durch dieses
Lob Gottes der Blick zuerst von uns weg auf Gott gerichtet. Seine Zusage
gilt über unserer Vergangenheit. Barmherzigkeit wird sichtbar in Jesus
Christus. Weil er auf die Welt gekommen ist, sind wir im vergangenen Jahr
nicht allein durchs Verkehrsgetümmel gelaufen. Nicht unser Geschick
und Können hat uns hier bewahrt ankommen lassen. Es hätte so
viel anders laufen können:
-
Wir haben Bewahrung erlebt.
Es gab bestimmt bei jedem und jeder von uns genug brenzlige Situationen
zum Luft Anhalten. Wie ungebremste Autos über 50 km/h rasten manche
Probleme auf uns zu. Wir stießen mit Menschen zusammen, und wie durch
ein Wunder wurden wir kaum verletzt und fügten den anderen kaum Schaden
zu. Böen bei der Arbeit erfassten uns und wirbelten unseren Alltag
durcheinander. Doch heute Abend sitzen wir hier, nicht im Büro. Offensichtlich
haben sich die Stürme zumindest heute Abend gelegt. Es hat oft geregnet
und vor lauter Tränen konnten wir den gefahrlosesten Weg kaum erkennen.
Wunderbar, dass wir trotzdem noch leben und den Mittelstreifen der Silvesternacht
erreichen.
-
Wir erfuhren Hilfe. In Perioden
der Krankheit und Schwäche, der Traurigkeit und Antriebslosigkeit,
wenn die Berge immer größer wurden und die Kraft immer kleiner,
sehen wir heute im Rückblick, dass manche Berge umgangen wurden, Wege
geebnet wurden, herannahende Fahrzeuge einfach gestoppt wurden.
-
Uns wurde vergeben. Wir merkten
auch, wie wir anderen zum Verkehrshindernis wurden. Sie wollten einfach
ihren Weg fortsetzen, und wir versperrten ihnen das Weiterkommen, verursachten
Auffahrunfälle und Beschimpfungen. Wir gaben mit unserem Verhalten
im Straßenverkehr ein schlechtes Beispiel für Kinder und kamen
doch nicht mehr heraus aus diesem Spiel. Wir konnten ja mitten auf der
Fahrbahn nicht sagen: Jetzt mache ich nicht mehr weiter! Jesus hat uns
wieder und wieder vergeben. Er nahm uns an der Hand und stellte ein Warndreieck
vor uns auf. Wir konnten den Weg fortsetzen, ohne ein Risiko für andere
zu sein. Den Strafzettel für regelwidriges Verhalten hat Jesus sogar
bezahlt, nur lernen sollten wir aus den Fehlern, nicht gleich den nächsten
Auffahrunfall verursachen.
-
Wir wurden geheilt. Einige
von uns haben es im vergehenden Jahr sehr einschneidend erlebt, dass sie
an Körper und Seele, in ihren Beziehungen und ihrem Gottvertrauen
heil geworden sind. Dass dieser Weg durch den Verkehr sie stark gemacht
hat und fester an Jesu Hand gebunden hat, als sie mit ihm vor einem Jahr
noch verbunden waren. Und sie haben dabei auch Jesu Großzügigkeit
erleben dürfen, der sie nicht wie eine Ochsenherde über die Straße
getrieben hat, sondern in den Zeiten der Krankheit Verschnaufpausen einlegte,
in denen sie neue Kräfte sammeln konnten, vor allem neues Gottvertrauen.
Jesus Christus gestern, das
ist nicht Schnee von gestern, von dem man träumt und der in der Rückschau
immer höher und strahlender wird als er jemals war, sondern Jesus
Christus war gestern unser sicherer und ständiger Begleiter, auch
wenn wir uns dessen nicht immer bewusst waren. Ohne ihn wären wir
unter die Räder gekommen. Offenbar hat er den Überblick gehabt.
Jesus Christus heute
Jetzt stehen wir auf dem Mittelstreifen.
Um uns brandet der Alltag, aber wir dürfen uns den Luxus erlauben,
ein paar Stunden anzuhalten und uns neu zu orientieren. Denn Orientierung
muss sein. Haben wir bisher immer unseren Blick nach links gewandt, um
die entgegenkommenden Fahrzeuge rechtzeitig zu sehen, wäre jetzt der
Blick nach links fast tödlich. Wir müssen nach rechts schauen,
zumindest wenn wir nicht gerade in England oder Irland wohnen. Wir müssen
uns klar werden, wo wir hinwollen, um im Zickzackkurs über die Fahrbahn
nicht vom Weg abzukommen. Das Bibelwort, das über dem zweiten Wegabschnitt
steht, schrieb Paulus an die Römer:
Römer 8,31-32
Was wollen wir nun hierzu
sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen
eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben
- wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Auch jetzt gilt, dass Jesus
Christus alles ist, dass wir mit Jesus auf Gottes Seite stehen dürfen.
Das verändert unseren Weg ins neue Jahr.
-
Es nimmt den Druck. Wir müssen
nicht jeder Mode und jeder Laune hinterherhetzen, die gerade durch unsere
Gesellschaft wogt. Wir müssen uns nicht den Druck machen, alles allein
zu meistern, jede Entscheidung langfristig richtig zu treffen und mit jedem
Tag ein Stück besser zu werden, näher zum Himmel zu rücken.
Da Jesus mit uns auf der Verkehrsinsel ist, stellt er uns erstmal einen
Stuhl hin und reicht uns einen Cappuccino oder eine Latte. Er lädt
uns ein, uns zu entspannen und mit ihm zu reden. Oder auch mit ihm zu schweigen
und einfach mal gelassen auszuatmen. Die Angst vor morgen können wir
ihm auf die Schultern legen. Er wird sie für uns tragen, denn er kennt
sich mit Angst besser aus als wir. Wir dürfen leer werden, damit er
mehr Platz in uns findet und mehr von seiner Liebe in uns sein kann.
-
Aber vielleicht sind es ja
gar nicht die Sorgen und Ängste, die uns auf dem Mittelstreifen quälen.
Wir haben auch Verpflichtungen. Der allein verdienende Vater oder die allein
verdienende Mutter ziehen ihre Familie hinterher. Der Chef hat Verantwortung
für seine Mitarbeiter und muss die Löhne am Monatsende auszahlen.
Der Projektleiter muss das Produkt mit seinem Team weiterentwickeln und
schon die Schulkinder fühlen sich für ihre schwächeren Freunde
verantwortlich, wenn es um Mathe oder Englisch-Vokabeln geht. Manchmal
sehen wir in Neuenhain eine Kindergartengruppe auf der Straßen laufen.
Menschen auf dem Mittelstreifen, die Verpflichtungen mit ins neue Jahr
nehmen, fühlen sich vielleicht wie eine Erzieherin auf dem Weg über
die Straße, nur dass sie allein unterwegs sind und hinten ihre Zöglinge
nicht mehr im Auge behalten können. Auf dem Mittelstreifen kümmert
sich Jesus um uns. Er lässt uns nicht ohne Begleitungen mit den uns
Anvertrauten in ein ungewisses Jahr gehen. Er ist auf jeden Fall vorne,
hinten und an den Seiten dabei. Aber nicht nur das. Er öffnet uns
auch die Augen für Menschen aus Fleisch und Blut, die mit uns Verantwortung
tragen wollen. Doch wollen wir sie wirklich sehen? Wollen wir Hilfe annehmen?
Sind wir bereit, Verantwortung mit anderen zu teilen?
-
Auf dem Mittelstreifen kann
uns auch eine tiefe Müdigkeit erfassen. Jesus peitscht uns nicht weiter.
Er gewährt uns Auszeiten. Auch im Ausruhen sind wir nicht von Jesus
getrennt. Auszeiten sind nicht faule Zeiten, sondern Phasen, in denen wir
lernen, uns selbst zurück zu nehmen, die Welt nicht auf unseren Schultern
zu tragen und loszulassen. Es sind Vorboten des Todes, die uns lehren,
der Hand Jesu mehr zu überlassen als das Übriggebliebene, vor
ihm Schwäche einzugestehen und von ihm Weisung zu erwarten, wie denn
die Reise bis zum Ziel weitergehen kann.
Jesus Christus bis
in Ewigkeit
Auch über dem nächsten
Wegabschnitt steht ein Bibelwort, diesmal aus:
Lukas 12, Vers 35
Lasst eure Lichter brennen
und seid bereit, wenn Jesus wiederkommt.
Morgen schon befinden wir
uns wieder auf der unsicheren Straße. Leicht kann uns der gebannte
Blick nach rechts vom Ziel abbringen. Doch Jesus, so sagt es uns das Bibelwort,
kommt uns auch von vorn entgegen. Er holt uns ab, dass wir sicher auf der
anderen Seite ankommen. Wir sollen unsere Lichter am Brennen halten, so
sagt es uns Jesus selbst, bereit sein, wenn er uns holt. Wir sollen ein
Leben im Sinne Jesu führen.
Im Hebräerbrief wird
ein solches Jesus-mäßiges Leben ethisch-moralisch beschrieben:
einander in der Gemeinde lieben, gerne Leute einladen, Gefangene besuchen,
sich um Misshandelte kümmern, die Ehe respektieren, nicht geldgierig
sein, sind die Themen, die der Hebräerbrief in diesem Zusammenhang
nennt. Wir könnten es auch umfassender sagen. Leben im Sinne Jesu
heißt, mit der Liebe Gottes leben und sie weitergeben, anderen den
Weg zu dem entgegenkommenden Jesus freihalten, selbst nicht zum Verkehrshindernis
werden und schon gar keine Unfälle provozieren.
Doch, so sagt es die Lebenserfahrung,
wir können das nicht aus eigener Kraft. Wir können kaum für
uns den Weg hinüber finden, wie dann noch für andere sorgen?
Wir sind auf Gottes Gnade angewiesen. Darauf, dass er unser Herz fest macht
und uns die Stärke gibt, nach seinem Willen zu leben. So ist das Gebet
an diesem Abend auch ein Hilferuf: "Herr, bleibe mit deiner Gnade bei uns
und führe uns zu dir!"
Die Fußgängerbrücke
wäre der einfachere Weg, hoch oben über dem Alltag der Welt.
Doch Jesus selbst ist auf die Erde gekommen, um sich durch das Verkehrsgetümmel
zu schieben, um uns auf die andere Seite zu bringen. Im Nachhinein, von
der Ewigkeit aus werden wir wahrscheinlich erkennen, dass wir immer schon
mit Jesus auf der sicheren Brücke waren, auch wenn wir uns mitten
auf der Fahrbahn wähnten. Doch diese Schau auf unser Leben ist Zukunftsmusik.
Sie gibt uns Inspiration, auch 2008 voller Zuversicht und Vertrauen die
vielen ungewissen Schritte unter die Füße zu nehmen, weil wir
wissen: Nicht die Straße ist unser Ziel, sondern Gottes Ewigkeit,
wo wir mit Jesus feiern werden ohne Ende.
Cornelia
Trick
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