Ein Neustart (Lukas 1,26-38)
Gottesdienst am 18.12.2016 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in der Vorbereitung auf unsere „Stille-Abende“ im Advent las ich viele Weihnachtsgeschichten. Drei Themen waren ihnen gemeinsam:

  • Überraschung – ein helles Licht im Tunnel, eine offene Tür im Gefängnis, ein rettendes Seil im tiefen Loch, eine Kurve auf der Straße, die eine neue Sicht preisgab.
  • Neubeginn – durch dieses Erlebnis hatte sich etwas gedreht, ob in der Seele oder ganzheitlich. Jesu Geburt verhalf zu einem Neustart.
  • Ohne Zutun – an keiner Stelle der Geschichten ging es darum, was die Menschen geleistet oder wie sie das Ereignis herbeigeführt hatten. Ihre Mitwirkung bestand darin, empfangsbereit zu sein.
Vorlage für diese Erzählungen war die Weihnachtsgeschichte. Sie beginnt mit einer Frau in Nazareth, die verlobt ist und in ihrem Wohnzimmer, das nehmen wir mal an, sitzt. Der Evangelist Lukas berichtet von diesem Geschehen nicht als objektiver Beobachter, sondern als einer, der sich mittendrin im Geschehen fühlte, obwohl er damals nicht dabei war. So lädt diese Erzählung auch uns ein, sozusagen durch den Türschlitz einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen, was ja damals nicht ungewöhnlich war, lebten doch die Großfamilien auf engem Raum beieinander.

Lukas 1,26-38

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

In der Marienkapelle in Würzburg drückt ein Wandvries sehr gut aus, was hier geschehen ist. Ein Rohr läuft von Gottes Mund zu Marias Ohr. Ganz oben bei Gott beginnt die Weihnachtsgeschichte. Maria empfängt Gottes Wort durch ihr Ohr, sie ist Hörende. Eine Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert, beschattet Marias Ohr, und das Kind, das Gott Maria zuspricht, rutscht auf dem Rohr zu Maria.

Der Künstler, der dieses Kunstwerk im 13. Jahrhundert erschuf, brachte das Unvorstellbare hier in ein fassbares Bild. Empfängnis durch den Heiligen Geist ist kein biologischer Fortpflanzungsvorgang, sondern ein Geschehen zwischen Himmel und Erde. Hier wird einfach festgestellt, dass dieses Kind von Gott kommt. Es ist nicht ein himmlisches Geistwesen, sondern geschichtlich verortet als Kind in einer konkreten Familie, unter den Bedingungen, unter denen auch wir geboren sind.
So will Gott Mensch werden.

Maria erschrickt vor den Worten, die sie vom Engel hört. Nicht der Engel selbst macht ihr Angst, sondern die Anrede: „Sei gegrüßt, du Begnadete. Der Herr ist mir dir!“

Hier wird das Thema angesprochen, das über dem Geschehen des Weihnachtsfestes steht: „Gnade“, denn Gottes Kommen in diese Welt und zu Maria ist eine Überraschung, bedeutet einen Neubeginn und geschieht ohne ihr Zutun. 

Auch wenn wir uns in der Adventszeit noch so mühen, ein schönes und harmonisches Weihnachtsfest vorzubereiten, ist es doch allein Gott, der es Weihnachten werden lässt. Er kommt mit seiner Liebe zu uns und rettet uns, das ist die Verheißung dieser Tage.

Gnade ist ein alter, nicht mehr sehr häufig gebrauchter Begriff. Wenn wir von einem begnadeten Künstler sprechen, meinen wir, dass zu seinem Fleiß und seiner Technik noch etwas hinzukommt, das er nicht selbst aus sich hervorbringen kann. Ein Extra an Begabung und Talent, ein besonderer Pinselstrich, der dem Betrachter die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt.

Als Vorbereitung auf das Gnadenfest Weihnachten ist es gut, diesem Begriff auf die Spur zu kommen. An dem Wort selbst gehe ich entlang und nehme die einzelnen Buchstaben als Brücke zum Verstehen.

Gnade ist …
Geschenk
Stellen Sie sich vor, sie kommen vom Einkaufen und sehen einen Polizisten an ihrem Auto stehen, offensichtlich schreibt er Sie gerade auf – Parkscheibe abgelaufen. Sie kommen näher und stellen fest, es ist Ihr Nachbar. Er schaut Sie freundlich an, lacht und sagt: „Na, da sieht man sich wieder. Danke, dass du gestern unsere Kinder gehütet hast. Jetzt lasse ich mal Gnade vor Recht ergehen und zerreiße den Strafzettel, warst ja nur 5 Minuten überfällig.“ Lacht, dreht sich um und geht weiter.

Gnade kann man nicht einklagen, man kann sie nicht verdienen, sie steht einem nicht zu. Es gibt keine Strategie, um Gnade zu bekommen, nur ein Hoffen darauf. Und das Geschenk der Gnade erfährt der, der schuldig geworden ist. Wäre die Parkscheibe noch nicht abgelaufen, hätte der Polizist nicht gnädig sein müssen. Es hätte kein Geschenk gegeben.

Maria war nicht schuldig, hatte nicht falsch geparkt, aber sie war bedeutungslos. Eine junge Frau aus einer Kleinstadt in Israel, praktisch ein Teenager aus Wanne-Eickel. Diese junge Frau bekam das Geschenk, aus der Masse der Menschen herausgehoben zu werden. Sie wurde zur Nummer 1 bei Gott.

Wie zeigt sich geschenkte Gnade bei mir? Jesus ist in die Welt gekommen, weil auch ich ihm wichtig bin. Er hat mich nicht ohne Grund ins Leben gerufen. Vielleicht sind da noch offene Rechnungen, die ich nicht bezahlen kann. Ich bin an Menschen, an Gott schuldig geworden, habe „falsche Töne gesungen“, die andere rausgebracht haben. Jesus bezahlt die offene Rechnung, die auf Gottes Konto noch aussteht. Dadurch bekomme ich Kraft, mich um die anderen Rechnungen zu kümmern. Gottes Konto gibt mir den Rückhalt. 

Neu beginnen kann ich durch Gnade
Die Szene im Wohnzimmer bei Maria ließ sich nicht logisch voraussagen wie der Wetterbericht für den nächsten Tag. Sie kennzeichnet eine Zäsur in der Weltgeschichte. Gott besucht überraschend seine Menschen, repräsentiert durch Maria.

Gnade bedeutet Neuanfang. Der Häftling der aufgrund eines Gnadengesuchs vorzeitig entlassen wird, bekommt als Abschiedsgruß auf den Weg: „Nutze die Chance und mach jetzt was aus deinem Leben!“ Der zerrissene Strafzettel soll mich nicht animieren, weiter falsch zu parken, sondern in Zukunft besser aufzupassen. Eine unvorhergesehene Heilung sagt der Geheilten: „Das Leben beginnt neu, du darfst nochmal Geburtstag feiern.“

Anerkennen müssen wir das Geschenk
Der Häftling könnte in der Zelle sitzen bleiben, er könnte die Chance ausschlagen, den Neuanfang verweigern. Wie oft schlage ich die Gnade aus, beharre auf meiner Sicht, bin nicht bereit, meine Fehler einzusehen und dann vergeben zu lassen. 

Können wir Jesus annehmen? Ihn gerade in die schwachen Stunden einladen, von ihm Überraschendes erwarten, den ersten Schritt ins Neuland an seiner Hand wagen?

Maria führt uns exemplarisch vor: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Sie lässt sich ein. Was sagt Gott uns? Vielleicht ruft er uns seine Verheißung zu, die schon über der Taufe gesprochen wurde:
Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, du gehörst zu mir.“ (Jesaja 43,1)

Dranbleiben hilft
Maria lebte in ständigen Fragen, Zweifeln und Unsicherheiten. Die Geburt geschah unter schwierigen Bedingungen, den 12-jährige Teenager musste sie in der Großstadt suchen, er widersetzte sich den Eltern und ließ sie an ihrer Erziehung zweifeln, später schickte Jesus sie weg, nannte wildfremde Menschen seine Familie, dann ließ er sich töten, wie sollte sie das verstehen, wo der Engel ihr doch prophezeit hatte: „Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“

In der Weihnachtsgeschichte heißt es, dass sie die Verheißung in ihrem Herzen bewegte. Das tat sie offensichtlich viele Jahre, sie bewegte die Verheißung, hielt sie wach, hielt an ihr fest – trotzdem.

Entwicklung ist Auswirkung der Gnade
Dem Moment im Wohnzimmer folgt das Leben und der Alltag. Gnade hat Auswirkungen und verändert. Im Gleichnis erzählte Jesus von einem Knecht, dem eine große Schuld von seinem Herrn getilgt wurde. Der Knecht lief glücklich auf der Straße und traf einen Kumpel, der ihm ein kleines Trinkgeld schuldig war. Er packte ihn und forderte das Geld zurück.  So soll es nicht sein bei Menschen, die Gottes Geschenk bekommen haben. Sie sollen es weitergeben, anderen gegenüber gnädig sein. Sie sollen ihre Mitmenschen überraschen, nicht handeln wie erwartet. Sie sollen Neuanfänge ermöglichen, offen sein für Veränderung. Sie sollen den ersten Schritt tun und nicht auf den Anderen warten.

Durch einen kleinen Schlitz haben wir das Geschehen im Wohnzimmer von Maria verfolgt. Wir wurden selbst in diese Geschichte hineingezogen. Jesus brauchen wir nicht mehr auf die Welt bringen, das hat Maria schon getan. Aber Jesus möchte auch in unsere Ohren rutschen und in unser Leben kommen, überraschend, Neues bewirkend und ohne Vorleistungen unsererseits.

Sind wir bereit dafür? Noch haben wir fast eine Woche Zeit bis Weihnachten, um uns die Ohren zu putzen.

Cornelia Trick


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