Ein Engel in der Löwengrube (Daniel 6,26-28)
Gottesdienst für den 9.5.2021 in Brombach, wegen des Lockdowns ohne anwesende Gemeinde

Liebe Gemeinde,
eine Bekannte erzählte von einer beruflichen Situation. Sie ist IT-Fachfrau und sollte in einer Runde von Leuten ihre Ergebnisse präsentieren. Sie beschrieb diese Runde als „Haifischbecken“. Offenbar saßen da wenig Unterstützende, aber einige, die größte Freude daran gehabt hätten, wenn sie ihr Scheitern gesehen hätten. Das Gespräch ist schon einige Zeit her, aber das Bild vom Haifischbecken blieb bei mir haften. Lauter Schwanzflossen umzingeln einen, um anzugreifen, eine enorme Angst wächst. Meine Bekannte hatte gebetet, um Kraft für diese Sitzung zu bekommen. Ich weiß nicht mehr, wie sie ausging, auf jeden Fall behielt sie ihren Job.

In der Bibel kommen keine Haifischbecken vor, aber es ist die Rede von einer Grube, in der hungrige Löwen gehalten wurden. Die Geschichte von Daniel in der Löwengrube ist nicht nur für Kinder im Kindergottesdienst spannend und hilfreich.

Daniels Werdegang
In der ökumenischen Tageslese dieser Tage lernten wir Daniel kennen und begleiteten ihn. Als junger Mann wurde er aus seiner Heimat nach Babylon, dem heutigen Irak verschleppt, weit weg von Israel. Sein Leben verlief abenteuerlich mit einer 50-jährigen Bilderbuchkarriere. Er wurde trotz seines Gefangenenstatus in den Dienst des babylonischen Königs berufen, absolvierte eine 3-jährige Ausbildung am Hof, bekam von Gott überdurchschnittliche Weisheit geschenkt und die Gabe, Träume zu deuten. Gerade diese Gabe konnte er mehrfach einsetzen, um Träume der Könige zu entschlüsseln. Dafür bekam er höchste Ehrungen und wurde einer der drei mächtigsten Männer im babylonischen Großreich. Dabei zog sich seine enge Beziehung zu Gott wie ein roter Faden durch die Erlebnisse. Er war sich stets bewusst, dass er im Auftrag Gottes handelte und der ihm die Vollmacht dazu gab.

Daniel lebte in Umbruchzeiten. Das babylonische Reich wurde 539 von den Persern abgelöst. Die persischen Könige verfolgten eine sehr liberale Religionspolitik. Die eroberten Länder sollten ihre Religion ausüben dürfen. So war gewährleistet, dass sie Ruhe gaben und sich der persischen Besatzungsmacht fügten. Die Perser begannen, eine hierarchische Organisation ihres Reiches durchzusetzen, drei Gebietsfürsten sollten als leitende Beamte 120 Statthaltern in den Regionen vorstehen, Daniel war einer der drei. Dabei stach Daniel wohl wegen seines herausragenden Verstandes aus der Menge der Beamten hervor und sollte mittelfristig der Stellvertreter des persischen Königs werden.

Soweit die Karriereleiter des Daniel, eines Menschen unter dem besonderen Einfluss Gottes. Er brachte sich im fremden Land mit seiner ganzen Kraft ein, gab immer wieder Hinweise auf den lebendigen Gott Israels, und die Könige anerkannten die Macht Gottes.

Die Krise
Doch der letzte Karriereschritt hin zum Stellvertreter des Königs war einer zu viel für seine Kollegen. Eine ganze Anzahl von Neidern wurde auf den Plan gerufen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Einer ragt aus der Menge hervor, zudem ein Ausländer, eigentlich ein ehemaliger Kriegsgefangener aus einem besiegten Land. Dass er Gegenwind bekommt, ist eigentlich klar.

Seine Widersacher suchten etwas, das Daniel zu Fall bringen konnte. Das einzige, das sie fanden, war seine enge Beziehung zum Gott Israels. So stellten sie ihm eine Falle.

Der König selbst war blind für ihre Intrige. Er fühlte sich wohl geschmeichelt, als ihm seine Untergebenen ein Gesetz vorschlugen, nach dem er einen Monat lang Gott spielen sollte. Alle Menschen seines Reiches sollten in diesem Monat nur ihn anbeten und ihre Bitten ausschließlich an ihn richten. Daniel erfuhr von dem Gesetz und ging direkt in sein „stilles Kämmerlein“, einem Raum im obersten Stockwerk mit offenen Fensterhöhlen nach Jerusalem – Fensterglas gab es ja damals noch nicht. Daniel ließ sich offenbar nicht in seiner Beziehung zu Gott stören. Sein Todesurteil war damit besiegelt. Obwohl der König sehr betrübt darüber war, konnte er sein Gesetz nicht mehr rückgängig machen. Er gab Daniel lediglich mit: „Dein Gott soll dich retten“. 

Die Löwengrube wurde mit Stein und Siegel geschlossen, es war menschlich gesehen kein Entkommen möglich. 

Manche Situationen sind ja ganz ähnlich, so wie bei meiner Bekannten, als sie sich wie im Haifischbecken fühlte. Da sehen wir bei einer Not keinen Ausweg mehr. Da spüren wir schon den Atem unserer Angreifer, so nahe sind sie uns auf die Pelle gerückt. Da fühlen wir uns verlassen, ganz allein in der Grube. Auch in dieser Pandemie fühle ich mich manchmal so. Wird das Impfen uns helfen, auch wenn immer neue Mutationen auftauchen? Ich warte auf Gottes Eingreifen, aber wie bei Daniel scheint er es laufen zu lassen, es kommt kein großes Stopp-Schild vom Himmel. Zwar sind keine Löwen um mich herum, aber ich höre viel Gebrüll, das auch nicht weiterführt: „Ich weiß, wie wir es besser machen können!“, „Nein, ich weiß einen besseren Weg!“, „Würdet ihr doch nur auf mich hören!“

Was tat Daniel, wie fühlte sich Daniel in der Grube? Wir finden keine Aussage dazu. Einzig erwähnt ist am Anfang der Geschichte seine Gebetspraxis im obersten Stock seines Hauses. Wusste er sich auch in der Löwengrube mit Gott verbunden? Auch wenn er vor Angst nicht beten konnte, wusste er sich von Gott trotzdem umarmt, gehalten, komme, was wolle?

Ich werde erinnert an Jesus, seinen Gebetskampf im Garten Getsemane und sein Ringen mit Gott am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er ist freiwillig in die "menschliche Löwengrube" gestiegen. Aber ihn kostete es das Leben.

Die Rettung
Daniel überlebt. Berichtet wird von einer unglaublichen Rettung. Ein Engel, der direkt von Gott in die Grube geschickt wurde, hielt den Löwen das Maul zu. Daniel war völlig unverletzt, so heißt es in der Bibel, denn er hatte Gott vertraut. 

An dieser Beispielgeschichte sollen wir lernen: 

  • Gebet ist die Grundlage, um mit Gottes Kraft verbunden zu sein.
  • Gott sorgt für die, die ihm vertrauen, holt sie sogar aus Löwengruben und Haifischbecken.
  • Gott ist gerecht. Er rettet die Unschuldigen.
Am Ende bekennt sich der persische König zu Gott, lobt Gott und anerkennt seine Macht:

Daniel 6,26-28
König Darius schrieb an die Menschen aller Völker, Nationen und Sprachen, die auf der Erde wohnten: »Euch soll reichlich Friede zuteilwerden! Ich erlasse diesen Befehl: In meinem ganzen Königreich soll man den Gott Daniels fürchten und vor ihm zittern. Er ist der lebendige Gott, der für immer bleibt. Sein Königreich wird nie zugrunde gehen und seine Herrschaft hat kein Ende. Er rettet und er befreit. Er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf der Erde. Er hat Daniel aus der Gewalt der Löwen gerettet.«

Eine weitere Perspektive
Doch trägt diese Geschichte auch in unserer Zeit, in unserem Leben? Die Unschuldigen werden nicht immer gerettet. Nicht allen Löwen und Haifischen hält ein Engel Gottes das Maul zu. Im Gegenteil, oft scheint es, dass sie gerade die Guten fressen. Und auch das Gebet, so erleben wir es schmerzlich, ist keine Lebensversicherung.

Wir brauchen zu dieser Daniel-Geschichte eine Ergänzung, wir sollten Jesus wie eine Folie beim Overheadprojektor darüberlegen, und schon gewinnen wir eine andere Perspektive. 

Jesus lehrte uns zu beten. Gebet könnte man mit einem Bergseil für Bergsteigende vergleichen. Es hält die Verbindung zum Bergführer, es sichert, dass selbst bei einem Sturz die Fallhöhe begrenzt ist. Es hält auf Kurs und schützt davor, auf Abwege zu geraten und sich zum Beispiel in Gletscherspalten zu verirren. Wir sind Zeugen seines eigenen Gebetslebens geworden, wie Jesus mit seinem himmlischen Vater um den Weg rang, wie er sich aufbäumte und sich dann vertrauensvoll dem Willen Gottes zu fügen. Gott hinderte Jesu Henker nicht an ihrem Tun. Er ließ Jesus sterben. Kein Engel war da, der ihn vom Kreuz holte. 

Gott hat in seinem Sohn unsere Löwengruben und Haifischbecken betreten. Sie sind ihm vertraut, und er ist mit uns, auch wenn wir uns allein und verlassen fühlen. Nicht immer gehen wir unverletzt aus diesen Situationen hervor. Nicht alle überleben die Löwen- und Haiattacken. Aber wir bleiben mit Jesus verbunden, der uns ein Leben eröffnet, das über den Tod hinausgeht.

Ein bekannter Kommunikationsforscher, Friedemann Schulz von Thun, wurde dieser Tage in einem Interview befragt, wie sich Menschen während der Spanischen Grippe fühlten. Er sagte, er hätte keine Studien darüber, aber Briefe aus dieser Zeit gelesen. Ihm wäre aufgefallen, dass sich die Menschen ihrem Schicksal ergeben hätten, nicht aufgebracht waren. Er vermutete, dass es mit dem Glauben der Menschen damals zusammenhing. Sie sahen das Leben als eine herausfordernde, oft schwere Wegstrecke, die Vorbereitung auf den Himmel war, an dem alles gut sein würde. Diese Perspektive, so sagte der Forscher, fehlt uns heute. Wir wollen alles in dieses Leben hineinpacken, und da macht es einen Unterschied, ob wir ein Jahr mehr oder pandemiebedingt weniger zur freien Gestaltung haben.

Unser Leben mit Jesus ist entgrenzt. Natürlich beten wir zuallererst, in diesem Leben schon gerettet zu werden wie Daniel, aber wir vertrauen darauf, dass Jesus uns noch eine neue Welt auftun wird, in der wirklich Gerechtigkeit herrschen wird, in der wir eng mit ihm verbunden sind und in seinem Frieden leben dürfen. Das gibt uns Kraft, unsere persönlichen Krisen durchzustehen und uns in dieses Bergseil des Gebets einzubinden, das uns hält bis in Ewigkeit.

Da berührte mich der, der aussah wie ein Mensch. Er stärkte mich und sagte: „Fürchte dich nicht, geliebter Mensch! Friede sei mit dir. Sei stark! Ja, sei stark!“ (Daniel 10,19)

Cornelia Trick


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