Durststiller (Offenbarung 21,6)
Gottesdienst am 21.1.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
es war einer der heißesten Tage im letzten Sommer. Ich saß im Bummelzug, meine Wasserflasche war längst leer. Minutenlang kreisten meine Gedanken um volle Flaschen, Cola, eine Gebirgsquelle. Als meine Kollegin neben mir ihre kleine Wasserflasche aus der Tasche nahm und anfing zu trinken, bat ich sie, ob ich auch was davon haben könnte. Nie im Leben wäre mir unter normalen Umständen eingefallen, mit ihr aus einer Flasche zu trinken. Aber da im Zug galten andere Regeln. Sofort gab sie mir ihre Flasche und teilte die kostbare Flüssigkeit mit mir.

Jeder von uns wird solche Situationen kennen, wo er oder sie ausgetrocknet in den Seilen hing und der erste Schluck Wasser Erlösung bedeutete. Wie mag es erst Menschen in den warmen Regionen dieser Erde gehen, bei denen das Wasser nicht aus dem Wasserhahn sprudelt und oft kilometerweit entfernt ist.  Die Menschen der Bibel waren in solchen Regionen zuhause. Für sie war der Mangel an Wasser lebensbedrohend, sie kannten Wassermangel und die Jagd nach Durststillern. Sie kannten auch die Versuchung, mit minderwertigem Wasser, an faulen Quellen den quälenden Durst zu stillen. Zuerst half das trübe Wasser, doch bald schon wurde man krank davon.

Durst ist in der Bibel ein Bildwort für die Sehnsucht nach Gott. Wenn Gott aus dem Leben verschwindet, wird der Mensch durstig. Er fühlt sich ausgelaugt, erschöpft, wird beherrscht von Sehnsucht, der Suche nach etwas, das seinem Leben Halt, Grundlage und Orientierung gibt. Durst muss gestillt werden, er verschwindet nicht von selbst. Wer seinen Durst ignoriert, wird sterben. Wer ihn allerdings mit fauligen Heilsversprechen stillt, wird durstig bleiben oder krank werden.

Das Bibelwort, das im deutschsprachigen Raum von den ökumenischen Kirchen für 2018 gewählt wurde, thematisiert den Lebens-Durst:

Offenbarung 21,6
Ich will den Durstigen geben aus der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Johannes, der Autor der Offenbarung, blickte hinter den Horizont. Vordergründig war das Leben mühsam und beschwerlich, Kriege erschütterten die Region des Nahen Ostens, das Böse bäumte sich auf, so schien es ihm, Christen wurden verfolgt und gerieten in Not. Johannes erlebte dies alles, aber er bekam von Gott eine neue Perspektive. Er sah, dass Gott das Böse besiegen würde. Nicht Krieg, Verfolgung und Tod sollten das letzte Wort haben, sondern Gott würde alles neu machen, einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, ideale Zustände herbeiführen. Die durstigen Menschen mussten nicht mehr an fauligen Zisternen ihren Durst stillen, sondern hatten Zugang zu reinem Wasser, das direkt aus Gottes Gegenwart sprudelte. Und dieses Wasser kostet nichts, es ist umsonst.

Die Jahreslosung will uns ermutigen, den Blickwinkel des Johannes in der Offenbarung einzunehmen. Wir sollen nicht immer auf unsere Nöte, Lasten und ungelösten Probleme starren, sondern die Möglichkeiten Gottes wahrnehmen und seinen Willen, uns Gutes zu tun.

Das ist keine Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod – so bieten sich die Worte der Offenbarung ja an: Erst nach dem Ende der Welt gibt es dieses Wasser Gottes. Doch die Jahreslosung will kein Gutschein sein, den wir bunkern, bis wir gestorben sind. Sie will uns heute und hier berühren und uns helfen, jetzt schon den Durst zu stillen. Jesus schenkt uns das Wasser zum Leben, durch seinen Geist lässt er es in unsere Seele fließen. 

Die Jahreslosung für uns persönlich
Wenn ich die Jahreslosung ganz persönlich auf mich beziehe, geht es um meinen Durst. Eigentlich fühle ich mich gar nicht durstig. Es liegen keine großen Baustellen an, die Straße des Lebens ist gerade recht übersichtlich, keine größeren Brocken liegen da. Aber ich bin herausgefordert. Offenbar gibt es doch einen Durst auch bei mir. Wo ist die Schwachstelle auf meinem Weg? In welchem Abstellraum meiner Seele ist Sehnsucht verborgen? Wo brauche ich Gott mehr als bisher? 

Einer könnte jetzt seine Krankheit nennen, mit der er vielleicht schon viele Jahre lebt. Längst hat er sich abgewöhnt, seinen Freunden davon zu erzählen. Sie schauen ihn mitleidig an, können ja nicht helfen, vertrösten ihn mit Floskeln wie „das wird schon wieder“. Er hört diese Jahreslosung und wird hellwach. Ja, da ist ein Durst nach Linderung der Schmerzen, nach Heilung, nach einem, der ihn in seinem täglichen Kampf versteht.

Ich denke auch an die Bekannte, die gerade vor den Trümmern ihres Lebens steht. Ihre ganze Freude war die Familie, doch von ihrem Mann entfremdete sie sich schleichend. Die Kinder verlor sie mit dem Mann, was war geblieben? Ihr Durst ist nach menschlichen Vorstellungen unstillbar. Zuviel ist zerbrochen. Doch die Jahreslosung spricht ihr zu, dass Gott auch für sie Wasser hat.

Auch wenn es „nur“ die Arbeit ist, erzählte mir jemand von dem Durst, den er täglich spürt, und der erst mit dem Nachdenken über die Sehnsucht in ihm zum Ausdruck kam. Seine Arbeit wird nicht wertgeschätzt. Es scheint selbstverständlich zu sein, was er leistet, immer wieder wird er übergangen, mit noch mehr Aufgaben zugeschüttet und abschätzig behandelt. Er sehnt sich nach einem, der ihm auf die Schulter klopft und ihm zuspricht: Du bist genau richtig hier, dich brauchen wir!

Die Trauernde spürt eine große Leere, als wäre sie allein in der Wüste.

Der Überbeschäftigte hat gar keine Zeit zum Nachdenken. Aber er kippt sich alles rein, was in Reichweite ist, oft nicht das beste Wasser. Er kommt sich wie ein Marathonläufer vor, der die Wasserflaschen kommentarlos und unbesehen den Helfern am Rand aus der Hand reißt.

Und nun zu meinem Durst. Wo liegt mein Durst?

Ich spüre ihn, wenn ich scheinbar ohnmächtig das Leben anderer begleite und ihnen so gerne mehr von dem Wasser des Lebens geben würde. Ich komme mir vor wie in einem Bummelzug bei großer Hitze, mein Nachbar ist am Verdursten und meine Flasche, die ich ihm reiche, ist auch fast leer. Ich sehne mich nach dem Flaschenlager eines Getränkehändlers, dass ich einfach austeilen kann und Menschen satt werden.

Unser Durst hat mit Gott zu tun. Alle Verbesserungen im Leben können Durst zwar kurzfristig stillen, aber es wird an anderen Stellen wieder Durst geben. Wie Durstige sollen wir uns auf den Weg machen und nicht an den Pfützen unterwegs trinken, sondern direkt zur Quelle gehen. Dort warten zwar nicht die Lösungen aller Fragen, aber dort werden wir in Gottes Gegenwart auftanken können und Lebensmut für die Probleme des Lebens bekommen.

Ganz bildlich stelle ich mir vor, wie jemand sich an die Quelle eines Baches setzt, mit den Händen Wasser zum Mund führt, die Füße ins Wasser taucht, zur Ruhe kommt, die Umgebung wahrnimmt und in sich aufsaugt, dass diese Quelle nie versiegen wird, er immer zurück kommen kann. 

Das Quellwasser ist Gottes Zuspruch:

  • Du bist Gottes Kind – er liebt dich, er will dich, er braucht dich, er geht mit dir
  • egal, was du gerade durchmachst,
  • egal, mit wie vielen Lasten du zur Quelle kommst,
  • egal, wie andere dich finden.
Wir können Gottes Quellwasser mit unterschiedlichen Gefäßen schöpfen, auf unterschiedliche Weise aufnehmen: 
  • in der Musik,
  • in einer annehmenden Gemeinschaft einer Gemeinde,
  • in der Stille,
  • in Zeichen der Liebe,
  • durch Erfahrungen anderer.
Wir können die Möglichkeiten alle ausprobieren, wichtig ist, dass wir uns auf die Quelle einlassen, uns wirklich hinsetzen und Gottes Gegenwart genießen.

Die Jahreslosung für uns als Gemeinde
Auch für uns als Gemeinde gilt diese Jahreslosung. Alles, was wir als Gemeinde leben und tun, soll dazu dienen, Quellwasser zu schöpfen. Natürlich kommen uns da zuerst die Gemeindeveranstaltungen in den Sinn. Klar, beim Bibelgespräch, in den Gottesdiensten, im Jugendtreff und im Chor geht es um Gott. Aber beim Hausausschuss? Ja, auch da. Denn wir sorgen für unser Gebäude, weil es ein Rastplatz an der Quelle sein soll. Ein heruntergekommenes Gemeindezentrum lädt nicht zum Niederlassen ein. Ein Gebäude, das im Winter warm ist, das gastfreundlich ist, das die Sinne beruhigt und den Blick von Alltagsdingen weg auf Gott richtet, bietet die besten Voraussetzungen, dass Seelen sich für Gott öffnen und das Wasser fließen kann. 

Die Jahreslosung für unsere Umgebung
In einem Aufsatz las ich, dass kaum jemand in unserem Land religiös auf der Suche ist, nur jeder 12. in Deutschland denkt über den Sinn des Lebens nach. Die Mehrheit offenbar nicht. Sie antwortet auf die Befragung so: „Ich bin zufrieden. Ich habe kein Bedürfnis nach etwas, das über das Leben hinausgeht. Ich bin mit dem Alltag beschäftigt.“ Angesprochen darauf, dass es doch noch einen tieferen Sinn im Leben geben muss, zucken sie die Schultern, „so ist das eben“. 

Sollen wir uns damit abfinden, dass die meisten Leute eben religiös unmusikalisch sind, für sie die Jahreslosung nicht gilt?

Doch ich stolpere über das Wort „umsonst“. Gott macht sich mit seinem Quellwasser nicht abhängig von uns Menschen, ob wir nun eine Antenne für ihn haben oder nicht. Ob wir uns unserem Durst stellen wollen oder nicht. Er gibt denen von seiner Kraft umsonst, die ihn schon seit Kindheit an kennen und lieben, genauso wie denen, die sich auch ohne ihn satt und zufrieden fühlen. Und machen merken erst beim Trinken, wie sehr ihnen dieses Wasser doch gefehlt hatte.

Gott tritt Menschen in den Weg, auch denen, die nie daran gedacht hätten. Jesus ist der Frau am Brunnen begegnet (Johannes 4), hat an der Kruste ihrer Seele gekratzt und ihren Durst geweckt. Er tritt unseren Mitmenschen in den Weg. Manchmal auch durch uns, die wir ihnen Wasser anbieten, im Bummelzug, in besonders wüstenartigen Lebensabschnitten und einfach so, weil wir Freunde sind und unser Leben teilen. 

Von dem Wasser Gottes können wir weitergeben, sein Vorrat geht nie aus. Ich bin dankbar, dass ich auch in Ohnmachtserfahrungen wissen darf, dass Jesus mich zur Quelle führt und ich wieder auftanken kann – und da genug zum Weitergeben bekomme. Je mehr Wasser ich verteilen will, je öfter sollte ich an der Quelle schöpfen. Ein ganzes Jahr ist Zeit dazu.

Cornelia Trick


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