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Gottesdienst am 13.05.2007
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
im Februar fand in unserer
Gemeinde ein Seminar für Paare mit dem Beraterehepaar Clackworthy
statt. Wir lernten, wie wir als Paare besser ins Gespräch kommen können
und wie unsere Unterhaltung an Tiefe gewinnen kann. Diese Einsichten waren
aber nicht nur für Paare interessant. Gespräche finden auf allen
Ebenen satt. Sie
prägen unser Leben seit dem ersten Atemzug. Sie begleiten unsere Beziehung
zu Gott, sind auch hier die Brücke, die uns mit Gott in Verbindung
hält.
Diese Brücke, mit
der Ehepaar Clackworthy ein Gespräch verglich, kann ein Symbol für
Jesus Christus sein. Er ist die Brücke, die Gott zu den Menschen baute.
Um in Kontakt mit ihm zu kommen, bietet Gott uns die Brücke an, die
über einen reißenden, unüberwindlichen Fluss führt.
Diese Brücke zu betreten bedeutet, mit Gott im Namen Jesu Christi
zu reden, eben zu beten. Im Gebet erschließt sich Gott, lädt
ein, bei ihm auf seiner Uferseite zu verweilen, Luft zu holen, Kraft zu
schöpfen, um dann mit neuem Schwung und verändert wieder in den
Alltag zurückzukehren.
Wie im Paarseminar entfaltet
möchte ich nun den Blick auf die Gestaltung dieses Gesprächs
mit Gott lenken.
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Die Brücke wird betreten,
indem wir uns begrüßen. Jesus grüßte seine Jünger
nach der Auferstehung mit den Worten "Friede sei mit euch". Diesen Willkommensgruß
spricht er uns auch zu, wenn wir uns der Gebetsbrücke nähern.
Er lädt uns ein, in seinen Frieden einzutreten. Vielleicht kommen
wir gerade aus einem Streit, haben einen dicken Ärger im Bauch, sind
von jemand verletzt worden oder spüren eine Unruhe in uns, die uns
von einem Gedanken zum nächsten hüpfen lässt. Jesus tritt
uns entgegen mit dem Friedensgruß, als wüsste er genau, was
wir am allermeisten brauchen, Entspannung in seinem Frieden. Doch wie antworten
wir auf seinen Friedensgruß? Indem wir kurz mit dem Kopf nicken,
ein Lächeln auf die Lippen zaubern und an ihm vorbeirennen, um unseren
"Einkaufszettel" bei Gott abzugeben? Eine Möglichkeit, diesen Frieden
zu erfahren, eröffnet sich, wenn wir uns Zeit nehmen, z.B. drei Minuten
einen kleinen Schlüssel in die Hand zu nehmen und ihn aufmerksam zu
betrachten. Dieser Schlüssel kann ein Symbol sein für die Brücke,
mit der Jesus uns den Himmel aufschließt. Wir sehen den Schlüssel,
seinen Bart und stellen uns vor, wie das Schlüsselloch beschaffen
sein muss, damit der Schlüssel passt. Wir denken darüber nach,
wie die Tür mit diesem Schlüsselloch aussehen könnte, wohin
diese Tür führt. Unsere Gedanken werden in diesen drei Minuten
vom Sichtbaren zum Unsichtbaren geführt, von unseren Problemen hin
zu der Welt jenseits der Tür, jenseits der Brücke. Die Hektik
fällt ab, wir können ruhiger atmen, es ist Zeit für Gottes
Frieden. Solche gegenseitige Begrüßung ist notwendig und spricht
gegen ausschließliche Stoßgebete. Fehlt eine solide Brücke
der Kommunikation mit Gott, sind Stoßgebete nicht Eilboten, die zwischendrin
auf der Brücke hin und her flitzen, sondern sie sind Kopfsprünge
in den Fluss, der mit eigener Kraft nicht zu überwinden ist.
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Nach der Begrüßung
folgt in einem normalen Gespräch der Austausch von Information, was
gewesen ist, was ansteht, was der andere unbedingt wissen muss. Bei Paaren
bleibt das Gespräch oft bei dieser Ebene hängen. Wie statistische
Untersuchungen ergeben, unterhält sich ein durchschnittliches Paar
acht Minuten am Tag. Diese acht Minuten sind gerade die Zeitspanne, in
der geregelt werden kann, wer wen wo und wie abholt, trifft, was eingekauft
werden muss und wer was sonst noch zu erledigen hat. Wenn ich meine Gebete
betrachte, kommen sie auch oft über diese acht Minuten nicht hinaus.
Sie sind Informationsweitergabe, dazu noch ziemlich einseitig. Ich gehe
über die Brücke im Namen Jesu, lade wie bei einer Müllkippe
meinen Ballast ab und sage: "Hier, Herr, ist alles, was nicht gut gelaufen
ist, nimm es von mir, vergib mir, mach etwas Gutes daraus." Dann suche
ich bei Gott eine Art Kaufhaus und stecke alles in den Einkaufskorb, das
ich am Tag brauche, ein gutes Referat zum Thema X, eine gelungene Arbeit
im Fach Y, eine Gehaltserhöhung, ein nettes Abendprogramm .... Ist
der Korb voll, renne ich wieder zurück über die Brücke und
tauche ein in den Alltag. Wundert es da, dass mir mancher Artikel in meinem
Einkaufskorb gar nicht gut tut, dass das Gewünschte sich als großer
Fehler entpuppt, ich nicht wirklich mit Gott in Kontakt getreten bin?
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Die Gemeinschaft, die Gott
mir im Gebet schenken will, ist nicht zu verwechseln mit den Dienstleistungen
Müllentsorgung und Einkaufsvergnügen. Hier geht es um ein tieferes
Kennenlernen. Wenn ich Gott gesagt habe, wie es um mich steht und was ich
aus meinem Alltag mitgebracht habe, will er mir auch seine Informationen
weitergeben. Er will mich unterrichten, was von ihm her dran ist. So werde
ich zur Hörenden und Studierenden. Es ist die Zeit, einen Bibelvers
oder einen Bibelabschnitt zu lesen und ihn auf mich wirken zu lassen. Gott
fragt mich: "Hast du dieses Wort von mir begriffen? Hast du eine Meinung
dazu? Erkennst du, wie es für dich weitergehen kann?" Er lässt
meine Anfragen und Zweifel zu, er hört sich an oder liest sich durch,
was ich ihm sage oder in mein Gebetstagebuch schreibe. Es ist sein Wunsch,
dass ich mich ihm öffne, meine Gefühle mitteile, meine Freude,
meine Wut, meine Ohnmacht, aber auch meine Liebe zu ihm, meine Sehnsucht,
von ihm angeleitet zu werden. In dieser Zeit der Nähe kann ich Gottes
Herzschlag spüren, und wie bei einem Herzschrittmacher beginnt mein
Herz nach seinem Rhythmus zu schlagen. Mein Einkaufszettel gerät in
den Hintergrund. Ich will nicht mehr meine Wünsche erfüllt bekommen,
sondern mit Gottes Willen den Alltag gestalten.
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Nach dieser innigen Berührung
von Gottes Liebe und Nähe werde ich den Weg wieder zurück gehen.
Der Alltag ruft. Die Gebetszeit ist nur eine kurze Unterbrechung. Doch
ich bin auf der Uferseite Gottes eine Andere geworden. Natürlich wünsche
ich mir nach wie vor ein gutes Referat zum Thema X usw., aber das Entscheidende
ist, dass ich diese Alltagsthemen mit Gottes Kraft, Weisheit und seiner
Liebe angehen kann. Ich weiß mich mit ihm verbunden, von ihm getragen
und von ihm beauftragt. Das macht den großen Unterschied.
Das persönliche Gebet
ist die Brücke in Gottes Gegenwart. Doch Gott hat uns nicht vereinzelt
in diese Welt gestellt. Er hat uns die große Aufgabe und in unserer
Zeit zunehmende Herausforderung gestellt, als Christen in einer Gemeinschaft
zu leben und wie ein Körper mit vielen Gliedmaßen gemeinsam
den Willen Gottes in die Welt zu tragen. So wundert es nicht, dass Paulus
im Brief an Timotheus den ersten Auftrag der Gemeinde Jesu so formuliert:
1.Timotheus 2,1-7
Das Erste und Wichtigste,
wozu ich die Gemeinde aufrufe, ist das Gebet, und zwar für alle Menschen.
Bringt Bitten und Fürbitten und Dank für sie alle vor Gott! Betet
für die Regierenden und für alle, die Gewalt haben, damit wir
in Ruhe und Frieden leben können, in Ehrfurcht vor Gott und in Rechtschaffenheit.
So ist es gut und gefällt Gott, unserem Retter. Er will, dass alle
Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden. Denn dies
ist ja unser Bekenntnis:
Einer ist Gott, und einer
ist der Vermittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Jesus Christus.
Er gab sein Leben, um die ganze Menschheit von ihrer Schuld loszukaufen.
Das gilt es zu bezeugen in dieser von Gott vorherbestimmten Zeit.
Um es öffentlich
zu verkünden, hat Gott mich zum Apostel eingesetzt. So ist es; ich
sage die reine Wahrheit. Er hat mich zum Lehrer berufen, damit ich die
nichtjüdischen Völker zum Glauben und zur Wahrheit führe.
Auch bei der Gemeinde ist
die Gebetsbrücke die erste und wichtigste Station vor allem anderen
Denken, Planen und Tun. Jesus Christus ist das Haupt der Gemeinde. Er koordiniert
die Bewegungen der Gemeinde. Er wartet auf ihre Rückmeldungen, um
sie wieder neu zu justieren. Findet das Gemeindegebet nicht statt, kommt
es einer Querschnittslähmung gleich. Die Nervenfasern sind durchgeschnitten,
die einzelnen Gemeindeleute sind unfähig, sich ohne die Verbindung
zu Jesus Christus zu bewegen. Sie können voll durchblutet sein, sie
können wunderbar aussehen. Sie können von außen wie eine
ganz gesunde Gemeinde wirken. Doch sie sind starr, unfähig ihren Auftrag
wahrzunehmen, ohne Möglichkeit, allen Menschen das Evangelium weiterzuerzählen.
Das Gemeindegebet ist die Brücke, um alle Glieder mit diesem Haupt
zusammenzubringen und miteinander die Bewegungen auf unsere Mitmenschen
zu auszuüben, die Gott von uns will.
Auch beim Gemeindegebet
brauchen wir vertiefte Kommunikation. Wir werden eingeladen, in Gebetsgemeinschaften
zusammen zu kommen, um gemeinsam Jesus in unsere Mitte treten zu lassen.
"Friede sei mit euch", dieser Friedensgruß ist an die Gruppe gerichtet.
In diesem Frieden Gottes werden unsere Unterschiedlichkeiten, unsere gegenseitigen
Erfahrungen, auch die mühsamen, hineingenommen. Hier geht es nicht
mehr darum, wie wir als Einzelne zueinander stehen, ob wir uns mehr oder
weniger mögen, sondern dass wir in Jesu Frieden eingeladen werden,
den nur er schaffen kann. In der Gebetsgemeinschaft geht es ganz offensichtlich
auch nicht nach dem Müllkippe-Kaufhaus-Prinzip zu. Wenn wir gemeinsames
Beten verstehen als Abladeplatz und Kaufhaus, bleiben wir beim Informationsaustausch
stecken. Viele unserer Gebetsgemeinschaften kranken daran, dass sie nur
Müllkippe-Kaufhaus-Besuche sind.
In Gottes Frieden werden
wir eingeladen, hinzuhören auf Gottes Meinung, seine Ziele, seine
Aufgaben und seine Entlastung. So wendet Paulus unseren Blick auch weg
von unseren Bedürfnissen als Gemeinschaft hin zu den Bedürfnissen
der Menschen, für die wir da sind. Wir sollen für alle Menschen
beten, weil Jesus für alle Menschen gestorben und auferstanden ist.
Paulus beginnt bei der Fürbitte nicht bei den Freunden, Familienangehörigen
und Nachbarn, wie wir es meistens tun. Vielleicht wittert er unseren eigenen
Egoismus bei dieser Fürbitte für die Eigenen. Er leitet an, für
die Regierenden zu beten, für die Machthaber und die, die für
das große Klima zuständig sind. Auch hier könnte man Paulus
so verstehen, als wollte er für das Wohlergehen der eigenen Gemeinde
sorgen, indem die Regierenden von Gott beeinflusst werden. Doch entdecke
ich in Paulus Begründung eine ganz andere Dimension. Die Gemeinde
Jesu kann ihre Mission, alle Menschen für Jesus zu gewinnen, viel
besser erfüllen, wenn sie nicht mundtot gemacht wird. Die Bitte für
die Regierenden, dass sie von Gottes Geist beeinflusst werden, ermöglicht
die Mission der Gemeinde und die Ausbreitung des Evangeliums.
Übersetzt in unsere
Zeit werden wir aufgerufen, in der Gebetsgemeinschaft der Gemeinde unseren
Blick auf die zu richten, die Einfluss und Macht haben.
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Dass sie nach Gottes Maßstäben
regieren,
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dass sie ihre Macht zum Frieden
einsetzen,
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dass sie die Erde als von
Gott anvertraut betrachten, um sie zu bebauen und zu bewahren,
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dass sie für die Würde
des Menschen eintreten,
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dass sie ermöglichen,
dass Christen ihren Glauben authentisch und frei leben können, in
allen Teilen der Welt.
Der Blick auf unseren Auftrag
wird durch die Gebetszeit neu ausgerichtet auf das, was Gott von uns will.
Wir werden als Gemeinde dabei auch die anderen Felder der Fürbitte
gezeigt bekommen, die sich uns ganz speziell eröffnen. Doch wir dürfen
erfahren, dass nicht unser Einkaufszettel beim Beten entscheidend ist,
sondern Gottes Meinung und seine Ziele, mit denen er uns prägen möchte.
Eine Gebetsgemeinschaft,
die im Frieden Jesu geschieht, die sich Zeit nimmt, über den Informationsaustausch
hinweg auf Gottes Meinung zu hören, die für andere betet und
sich die zeigen lässt, für die sie beten soll, wird ein tiefes
Gefühl der Zufriedenheit und des Zuhauseseins empfinden, einen Vorgeschmack
auf den Himmel. Sie liegt am Herzen Gottes und hört Gottes Herzschlag.
Sie nimmt teil an seiner Mission.
Jede Aktivität der
betenden Gemeinde, jedes Gespräch zwischen gemeinsam Betenden über
Alltagsdinge oder Gemeindebelange, jede Begegnung wird erinnern an den
gemeinsam nicht nur gehörten und gelernten, sondern erfahrenen Willen
Gottes:
Dass allen Menschen geholfen
werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.(1.Timotheus
2,4 Luther-Bibel)
Die Gebetsbrücke trägt,
gut, wenn sie von uns betreten wird.
Cornelia
Trick
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